The Change
Dieser Tage ist es nicht leicht, ins Kino zu gehen und nicht völlig frustriert wieder heraus zu kommen. Man hat das Gefühl, die Filmindustrie kocht lieber immer wieder die gleichen Rezepte und traut sich nichts neues.
Und so ging ich heute ins Kino, um „The Change“ zu sehen. Und lest bitte nicht weiter, wenn Ihr keine Spoiler lesen wollt…
Und als der Film zu Ende war und das Licht anging, dachte ich: wow, was war das jetzt?
Ich hatte mir vorher nichts zu dem Film durchgelesen oder angesehen, wußte also nicht genau, was mich erwartet. Meine Annahme war, einen Politthriller zu sehen oder etwas aus der nahen Zukunft, in dem das Abdriften der USA in den Totalitarismus thematisiert wird.
Was ich nicht erwartet habe, aber hätte wissen können, wenn ich den Trailer gesehen hätte, war, dass es sich um ein „Familiendrama“ handelt. Aber was für eines, weil der Antagonismus der Story bemerkenswert ist. Man hat das Gefühl, man beginnt einen Film, der eine moderne Mischung von Politdrama und Thriller ist. Und man endet in einem Film, der zeigt, dass Glasl mit seinen 9 Stufen recht hatte.
Und das ist das eigentlich Erschreckende. Hier ist es eine junge Frau, die aus Rache und bösem Willen eine ehemalige Dozentin vernichten will und deren Familie gleich mit. Und wenn man sich z. B. die Rachefeldzüge von Trump ansieht, ist das durchaus vergleichbar. Denn am Ende blutet ein ganzes Land zur Befriedigung einer psychopathischen Motivation.
Das Besondere des Films ist es also, dass er die Entwicklung in den USA nachzeichnet, ohne auch nur ein einziges Mal direkt darauf Bezug zu nehmen. Und auch, ohne eine Welt wie in „The Handmaids Tale“ zeichnen zu müssen.
Der Film ist ein Monstrum in der Art und Weise, in der er zeigt, dass manchmal die Menschen die Monster sind, die uns am nächsten stehen. Und der Film macht Angst davor, sich und seine Familie anderen zu öffnen, denn wer kommt da? Ein Freund, ein Feind?
Die Art und Weise, wie dann am Schluss noch mal ein Fazit gezogen wird, das die „erfolgreiche“ Auslöschung einer gesamten Familie beinhaltet. Aber halt getreu dem „Gemeinsam in den Abgrund“ auch eine ganze Nation in einen Strudel von Gewalt zieht.
Einige Kritiken schreiben, dass der Film besser eine Serie wäre, weil er die Geschichte, die sich über Jahre zieht, sehr stark komprimiert und Zeitsprünge macht. Aber eigentlich ist auch das ein Stilmittel, dass den Film so gut macht: nur eine Person erkennt das Böse und verliert sich immer mehr – während die anderen es nicht oder zu spät wahr haben wollen. Und durch die starke Komprimierung und die Sprünge durch die Jahre muss man sich nicht mit dem „langsamen“ Abgleiten abmühen. Sondern man kann im 10-Minuten-Takt des Films die jeweils nächste Stufe auf der Glasl-Skala erklimmen, bis das unausweichliche Ende da ist.
Der Film ist ein Experiment. Eines das gelingt. Eines, das die Menschen in Amerika nur ungern sehen wollen werden. Was man schon daran festmachen kann, dass der US-Trailer eine ganz andere Tonalität anschlägt und man den Film gleich zu „Anniversary“, also „Jahrestag“ umbenannt hat – offensichtlich hat der Verleiher Sorge, dass die Menschen auf der anderen Seite des großen Teichs den Film sonst nicht ansehen würden. Aus Angst, zu sehr mit der eigenen Situation konfrontiert zu werden und vielleicht zu verstehen, wie gefährlich das Spiel der Familie Trump ist.
Und das es manchmal nur ein einziges, gekränktes Ego braucht, um eine ganze Nation in einen Strudel aus Gewalt und Faschismus zu ziehen.
Wenn Ihr könnt, geht den Film gucken. Ich kann Euch, aus eigener Anschauung, sagen:
Er wirkt nach.
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