Schwarz

In meinem aktuellen King Reread bin ich jetzt bei „Schwarz“ angekommen. Einem der vermutlich einflussreichsten Bücher der Welt (vor allem für mich) und (ebenso für mich) dem Buch, dass mich zu einem King-Fanboy werden ließ. Dabei war der Weg dorthin eher ungewöhnlich für ein Buch. Aber der Reihe nach….

In einem älteren Blogbeitrag erwähnte ich mal, dass mein größter Schatz früher die Jahreskarte der Stadtbücherei gewesen ist. Und nachdem ich als sehr, sehr junger Mensch „ES“ gelesen hatte, mit ein bisschen Grusel, wollte ich mehr von King lesen. Das nächste Buch, dass mir in die Hand fiel war „Schwarz“.

Ich fand es langweilig. Öde. Doof. Hab es nicht fertig gelesen.

Ein paar Jahre später, ich hatte meinen ersten Versuch erfolgreich vergessen, fiel mir ein Taschenbuch in die Hand, dass die Bücher „Schwarz“ und „Drei“ kombiniert. Ich nahm es. Ich las es. Ich war gebannt.

"Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm". Der erste Satz des Dunklen Turms.
„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm“. Der erste Satz des Dunklen Turms.

Heute gilt der Einleitungssatz des Buches als einer der „most iconic“ Buchanfänge. Und es ist verständlich. Denn was weder der Titel „Schwarz“, noch „Drei“ vermuten lassen: Wir reden hier nicht über einzelne Bücher, sondern um die vermutlich bekannteste Buchreihe der Welt:

„Der dunkle Turm“

 

Dummerweise merkt man das im Deutschen zumindest an den Titeln nicht, die ersten vier Bände waren „Schwarz“, „Drei“, „Tot“ und „Glas“. Irgendwie hatte sich wohl nicht rumgesprochen, dass es eine Serie ist – keine Ahnung was Heyen da geritten hat. 😉

Erst in späteren Auflagen, hier die „Metallic Edition“ wurde das korrigiert, so dass zumindest erkennbar war, dass es sich um die DT-Serie handelte.

Dieses Buch gibt es nicht nur in verschiedenen Covern – ich habe, wenn man die englischen und deutschen Versionen zusammenfasst 4, sondern auch in zwei verschiedenen Versionen.

Einmal das Original. Dabei handelt es sich um eine Zusammenfassung von 6 Kurzgeschichten, die King ursprünglich für eine Uni-Zeitung schrieb. Und eine überarbeitete Version, die viele Jahre später, nachdem er mit dem 7. Buch den Hauptzyklus abgeschlossen hatte, erschien.

Der Grund für die Anpassung war, dass Stephen King der Meinung war, dass nach den Jahrzehnten(!) die es gedauert hatte, die Reihe zu  vervollständigen, das erste Buch nicht mehr ganz passt.

Unter Hardcore-Fans ist das natürlich Frevel. Aus unterschiedlichen Gründen, auf die ich gleich noch eingehen werden. Aber kommen wir erst mal zu dem Buch an sich:

In „Schwarz“ oder „The Gunslinger“ begleiten wir den Revolvermann, dessen Name Roland ist, durch eine schier endlose Wüste, während er den „Mann in Schwarz“ verfolgt.

Wir wissen eigentlich nichts. Wir wissen nicht was das für eine Wüste ist, wir wissen nicht wer Roland oder der Mann in Schwarz sind und wir wissen nichts über die Bestimmung.

Was wir schnell lernen ist, dass die Welt des Revolvermanns verblüffend dem Wilden Westen gleicht. Was aber nicht sein kann, denn in einer Bar hören wir „Hey Jude“ von den Beatles und eine Zapfsäule erinnert eher an unsere Zeit, als an die Vergangenheit.

So begleiten wir Roland und lernen im Laufe der Geschichte, dass er der letzte verbleibende Revolvermann, ein Kämpfer für „das Weisse“ ist. Und warum er dem Mann in Schwarz folgt. Das Buch endet schließlich mit einer Erklärung, die gleichzeitig ein so fieser Cliffhänger ist, dass man das Buch „Drei“ sofort hinterher lesen muss. Der englische Titel ist übrigens „The Drawing of the Three“, warum ist am Ende des ersten Buches schnell klar.

Der Dunkle Turm ist eine Serie aus 7 Hauptbüchern und einigen Nebenbüchern. Und in sich ist der dunkle Turm mit fast allen anderen King-Büchern verwoben – das weiß man im ersten Buch aber nicht. Was man weiß ist, dass wenn man das erste Buch geschafft hat – man muss hier vielleicht wirklich „durchhalten“, dann kommen schnell die anderen.

Die ersten 3 Bücher spielen dabei in einer eigenen Klasse, weswegen sie auch noch mal als Special Edition heraus kamen. Das vierte Buch, Glas oder „Wizard and Glas“ ist dann ein Übergang zu dem Geschichtenteil in Buch 5, 6 und 7. Und ich weiß noch genau, wie ich mit Band 3 durch war und dann Jahre(!) auf Band 4 warten musste. Und was für eine Angst ich hatte, als King einen schweren Unfall hatte und unklar war, ob er jemals die Bücher zu Ende schreiben wird.

Anyway, zurück  zu Band 1:

Dieser Band ist für mich ein Werk, dass ich immer wieder lesen kann. Ich habe zum Beispiel das „Ritual“, dass ich mich an den ersten heißen Tagen eines Jahres gerne an den Sandstrand vom Auesse setze, genieße die Wärme dort und lese den ersten Band. Oder ich höre ihn.

Denn ich besitze natürlich nicht nur die digitalen Versionen der Hörbücher, sondern vor allem die „Original“. Auf Kassette, wofür ich mir einen Walkman von Sony halte. Und vor einigen Jahren noch mal einen teuren Walkman nachgekauft habe als klar war, dass das Ende der Kassette naht.

Und ja, es verursacht einen leichten Schauer, wenn Frank Muller die erste Zeile liest. Das ist auch eine Besonderheit der Hörbücher, denn die Bände 1 bis 4 hat Frank Muller gelesen – und ich kenne keinen besseren Leser für die Bücher.

Leider ist eben dieser Frank Muller viel zu früh verstorben und konnte wegen eines Unfalls schon weit vorher keine Hörbücher mehr lesen. Was dazu führt, dass nur die ersten 4 Bücher von ihm gelesen sind.

Danach wechselte man dann auf CD und die neueren Bücher hat dann George Guidall gelesen. Der ist auch gut, aber eben kein Frank Muller.

Und ich habe diese Hörbücher gern und lang gehört, z. B. auf Autofahrten nach Kroatien. Mein damaliger V70 hatte sogar neben dem CD-Schacht auch noch einen Kasttenplayer. Und so musste ich nur alle 90 Minuten auf der 15 stündigen Tour die Kassette wechseln.

Anyway:

Ich erwähnte, dass es zwei Versionen des ersten Buches gibt. Ich meide die neuere Version in Papier und als Hörbuch gerne, weil es eben nicht „mein“ „Schwarz“ ist. Für das Lesen jetzt habe ich aber bewußt zur neuen Version gegriffen, als Hörbuch von George Guidall. Und mir ist etwas interessantes aufgefallen:

Die neue Version macht hochgradig Sinn, wenn man sie nach dem 7. Band liest. Ich verstehe, dass das komisch klingt, vor allem weil ich nicht spoilern will, aber meiner Meinung nach ist das die beste Möglichkeit Zugang zu der neuen Fassung zu finden, wenn man die Serie in folgender Reihenfolge liest:

„The Little Sitsters of Eluria“ -> „The Gunslinger“ -> „The Drawing of the Three“ -> „The Wastelands“ -> „Wizard and Glas“ -> „The Wind through the Keyhole“ -> „Wolfes of the Calla“ -> „Song of Susannah“ -> „The Dark Tower“ -> „The Gundslinger, revised Edition“

Denn liest man erst die neue Version, gibt es in ihr viel zu viele Andeutungen auf den späteren Verlauf und sie hat viel zu sehr den neueren Stil des älteren King. In der Reihenfolge ist es aber echt gut.

Ein spannender Aspekt am dunklen Turm ist, dass dieser immer wieder mit anderen Büchern verlinkt ist. Mal deutlicher, mal weniger deutlich. Die Folge ist aber, dass man plötzlich andere Bücher noch einmal liest – in der Hoffnung mehr um den Dunklen Turm zu erfahren. Manchmal sind es subtile Andeutungen, z. B. in Insomnia, wenn in einem Nebensatz gesagt wird, dass sich in der Folge einer Handlung in einer anderen Welt der Revolvermann umdrehte und weiterschlief. Was mehr Sinn macht, wenn man weiß, dass Roland in „Schwarz“ in der Wüste übernachtet und für sein Lagerfeuer ein gewisses Gras verbrennt, dass eine Halluzinogene Wirkung hat. Oder halt die Türen in andere Welten öffnet.

Oder wenn in der neuen Version des ersten Buches in einem Nebensatz aus der grauen Vergangenheit berichtet wird, deren technologischen, unglaubwürdigen Errungenschaften und Jahrzehnte(!) später dieser eine Satz in den Höhepunkt eines völlig anderen Buches führt.

Schon seit Jahren versuchen King-Leser daher, die Bücher „zu mappen“. Und das führt zu einer wahnwitzigen Erkenntnis: Auch wenn es einzelne Romane, abgeschlossene Geschichten sind, die King schreibt, sie alle ergeben einen eigenen Kosmos, eine eigene Realität. Die den Dunklen Turm umkreist, wie die Planeten die Sonne.

In zwei populären Büchern, „The Talisman“ und „Black House“, die ebenfalls eng mit dem dunklen Turm verbandelt sind (was man nicht weiß, wenn man den nicht gelesen hat) und im letzten Teil der Turm-Saga diskutiert King dann auch sehr intensiv noch mal das Thema, dass er schon in „Drei“ aufgegriffen hat.

Was, wenn es alternative Realitäten gibt und zwischen den Welten Durchgänge? Das ist natürlich ein reines Fantasieprodukt und die logische Erklärung ist, dass es ist wie King sagt: Die Anfänge des Turms und seines Schreibens liegen in einer Zeit des Drogenkonsums.

Aber was, wenn nicht?

Anyway:

Schwarz ist kein Buch für jeden Menschen. Schwarz ist vielleicht auch nicht einfach zu lesen in einer Zeit, in der wir Antworten und Action erwarten, keine Fragen. Schwarz ist der Prolog zu einer Reihe von Büchern, die ihre Wirkung erst nach und nach eröffnen.

Aber: Wer Schwarz liest und danach Drei anschließt, betritt eine Welt, die er (oder halt sie) nicht mehr verlassen können wird. Und spätestens nach „Glas“ ist man nicht mehr nur Gefangener einer Welt, die es nie gab aber vielleicht geben könnte. Man ist selber zu einer Figur geworden, die das große Spiel von Gut gegen Böse beobachtet. Und auch wenn man selbst nicht eingreifen kann – so kann und vielleicht muss man sich letztlich für eine Seite entscheiden.

Und wer die Bücher in der von mir vorgeschlagenen Reihenfolge liest, wird danach vermutlich alle Bücher von King erstmalig oder nochmals lesen. Und mit ein wenig Glück ebenso fasziniert sein, wie ich es früher war und noch heute bin.

„Go then, there are other Worlds than these.“

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