Jake hat keinen Plan
Ich freu mich ja immer, wenn ich neue Autor*innen entdecke. Also nicht nur neu für mich, sondern überhaupt neu auf dem Markt der Bücher. Zum einen, weil ich weiß, dass es Mut braucht, seine eigene Geschichte zu veröffentlichen. Zum anderen, weil es einfach schön ist zu sehen, wie eine Kultur sich entwickelt.
Vor ein paar Wochen bin ich auf Bluesky auf Jesse R. Fiur gestoßen, der dort sein erstes Buch angekündigt hat. „Jake hat keinen Plan – Ameisenbären vs. Aliens„.
Der Titel hat eine lustige Assoziation geweckt, weil ich irgendwann mal eine Buchreihe gelesen habe, in der es um menschengroße ameisenartige Aliens ging. Natürlich kann ich das Buch gerade nicht finden 😉
Ich habe also Jesse angeschrieben und gefragt, ob ich sein Buch lesen und besprechen darf. Nach einer Weile hat er zugestimmt und so habe ich mich gefreut, ein paar Tage später das frisch gedruckte Exemplar in den Händen halten zu dürfen:
Eine Kamera und ein Motorrad.
Das ist eigentlich alles, was Jake Wilbur zum Leben braucht. Doch die Idylle in seiner kanadischen Kleinstadt Dorville wird von seltsamen Mysterien zerrüttet.
Außerirdische Zeichen?
Unerklärliche Todesfälle?
Sprechende Ameisenbären?
Och, nö?!?
Das ist schon schlimm genug. Aber zu allem Überfluss verschlägt es den Pechvogel Jake dann noch auf einen fernen Planeten.
Mit im Schlepptau: seine eigenwillige Kollegin Nadine, neugierige Geschwister und ein unerwarteter flauschiger Begleiter.
Ok. Ich wußte ja nicht so genau, was mich erwartet und fand das Cover irgendwie niedlich. Vielleicht, so ein Gedanke, richtet sich das Buch an jüngere Leser*innen. Und dann hab ich angefangen zu lesen:
Es öffnete sein riesiges, schleimiges Mail und entblößte einen breiten Schlund. Heisere Worte wurden direkt durch die empfindlichen Nervenbahnen in das Gehirn des Mannes gepresst. Sie raunten: „Angst! Mehr… ich brauche mehr Angst!“
Ok, also doch nicht für die ganz jungen Leser*innen 😉 Aber ich bin ja nicht mehr ganz jung, also war das vielleicht ein Treffer?
Die Geschichte spielt in einem kleinen Ort in Kanada, den der Autor leider nicht selbst besucht hat. Das ist für Menschen, die nie in Kanada waren, kein Problem und der arme Jesse konnte nicht wissen, dass einer der ersten Leser jemand sein würde, der ständig dort abhängt 😉 Und ich gebe zu, das hat zu ein paar Irritationen geführt, die außer mir niemand wahrnehmen wird.
Was vermutlich aber Menschen beim Lesen wahrnehmen werden ist, ist das die Sprache manchmal etwas holprig ist. So ist auf Seite 1 beispielsweise an einer Stelle an der „Sein Atem“ stehen sollte, „Der Atem beschleunigte sich.“ Oder Seite 12 ein innerer Monolog über das angenommene Ableben einer Kollegin, der vielleicht ins Drehbuch von Pulp Fiction gepasst hätte, aber nicht hier. An solchen Stellen merkt man, dass Schreiben ein Prozess ist, der sich über viele Jahre entwickelt. Das bedeutet nicht, dass das Buch schlecht oder schwierig zu lesen ist, es reiht sich vielmehr in die Reihe erster Veröffentlichungen vieler Autor*innen ein, bei denen man das Gefühl hat, dass das Schreiben noch etwas ungehobelt daherkommt.
Nachdem ich jetzt so viel nicht so nettes geschrieben habe, kommen wir mal zum positiven Teil:
Die Geschichte ist durchaus innovativ. Zwar nimmt sie etliche Abkürzungen, aber die Prämisse ist schon etwas neues. Und sie kommt auch in einer gut ausgedachten Verpackung daher. Man merkt, dass Jesse sich Gedanken gemacht hat, wer seine Protagonisten und Antagonisten sind, wie er ihre, auch sozialen, Umfelder gestaltet und wie er sie in die Geschichte einbettet.
Angesichts des Settings, dass der Autor selbst beschreibt als
Der fesselnde erste Band der Reihe »Jake hat keinen Plan« bietet eine facettenreiche Mischung aus Space Opera und gnadenloser Science Fantasy, die erwachsenen Zynismus mit packenden Survival-Elementen verbindet.
… kann man auch über vieles einfach damit hinwegsehen, dass hier eine Geschichte erzählt werden soll. Und diese Geschichte hat Schwerpunkte, wie die Aliens und ihre Welt und Nebenschauplätze, wie die Frage wie man überhaupt in die Welt kommt und warum es niemanden völlig zu verstören scheint, plötzlich auf einem anderen Planeten zu sein. Das ist halt dann so und muss dann auch so sein, damit der Plot Fahrt aufnehmen kann.
Was ich besonders mochte war der Versuch, zu gleichen Teilen eine realistische irdische Welt zu zeichnen als auch eine vollkommen absurde, unwahrscheinliche, vielleicht unmögliche Außerirdische. Die Fantasie muss man erst mal haben und auf die Idee, den Babelfisch gegen ein Essen zu tauschen, muss man erst mal kommen. Warum zwei der Protagonisten sich in einer sehr intensiven Hassliebe befinden, in der sie sich mal den Tod wünschen und im nächsten Augenblick nacheinander verzehren, hab ich zwar nicht verstanden – es lockerte aber die Geschichte durchaus auf, weil man hier noch eine weitere Facette hatte, die das Worldbuilding vorantrieb.
Am Ende der Geschichte steht die Ankündigung einer Fortsetzung und ich glaube, auf die kann man gespannt sein. Schon weil natürlich im ersten Teil vieles sehr komprimiert ist und im zweiten Teil geschaffene Welt, bzw. die Welten, weiter ausgebaut werden können und müssen.
Wenn ich ein Fazit ziehen sollte, dann wäre es das:
Spannende Idee für eine Reihe von Geschichten über den „First Contact“ und das Zusammenleben zwischen Menschen und Nicht-Menschen. Und das Zusammenleben zwischen Menschen. Wobei letzteres manchmal komplizierter zu sein scheint, als ersteres.
Ich würde zum Abschluss aber noch zwei Schmerzpunkte anbringen: Mir ist nicht klar, warum die Zeichnungen nur im Anhang als „Bonus“ verborgen sind. Ich hätte mich persönlich gefreut, sie die Geschichte begleitend zwischen den Seiten zu finden. Der zweite Schmerzpunkt ist der Preis von 38,95€ für das Hardcover. Das ist übermäßig viel, wenn ich selbst die 24€ für das aktuelle Hardcover von King schon zu viel finde. Meine Befürchtung ist, dass der hohe Preis eine erhebliche Barriere für Interessierte darstellt und am Ende, wegen der halt nicht weg zu diskutierenden sprachlichen Besonderheiten, Käufer*innen abschrecken könnte.
Ein Taschenbuch um die 10-12, vielleicht 14 Euro wäre hier sicherlich eine bessere Wahl gewesen.
Und vielleicht bei der Fortsetzung ein intensiveres Lektorat.
Aber hey, es ist ein Erstlingswerk. Und das darf man nicht vergessen: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, wusste schon meine Oma. Es ist zudem bei BoD erschienen, wo im Prinzip die Autoren die Aufmachung und letztlich den Preis bestimmen, ohne das wirklich Informationen vorliegen, was der Markt zu bezahlen bereit ist.
Und weil ich mich, siehe den Anfang dieses Textes, immer freue, dass neue Autoren sich in das Literaturhaifischbecken trauen, wäre mein Wunsch auch, dass Ihr Euch das Buch einfach mal kauft und auf das Abenteuer einlasst. Denn ich sag mal so, Ameisenbären lernt Ihr hier von einer wirklich neuen Seite kennen 😉
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