Four Past Midnight
Stephen Kings Four Past Midnight gehört zu jenen Werken, die exemplarisch zeigen, warum King weit mehr ist als nur ein Horrorautor. Die Sammlung vereint vier lange Erzählungen, jede fast ein eigenes kurzes Buch:
- „The Langoliers“
- „Secret Window, Secret Garden“
- „The Library Policeman“
- „The Sun Dog“ (vor einer Weile tatsächlich als eigenes Buch erschienen
Das Buch verbindet psychologischen Horror, Science-Fiction, Mystery und klassische Suspense auf eine Weise, die auch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung erstaunlich modern wirkt. Besonders „The Langoliers“ ragt dabei heraus: eine Geschichte, die zugleich Albtraum, Zeitreise-Parabel und Kammerspiel ist. Wobei „The Langoliers“ seit Kindestagen zu den Geschichten mit der lebendigsten Erinnerung bei mir gehörte:
Schon die Grundidee von „The Langoliers“ ist brillant: Ein Nachtflug von Los Angeles nach Boston landet plötzlich in einer Welt, die leer, still und irgendwie „verbrauchte“ Realität ist. Ein Teil der Passagiere ist verschwunden, die übrigen finden sich in einer Art zeitlichem Niemandsland wieder. King entfaltet aus diesem Szenario eine enorme Spannung, weil die Bedrohung zunächst kaum greifbar bleibt. Das Grauen entsteht weniger aus Blut oder Gewalt, sondern aus der existenziellen Vorstellung, dass Zeit selbst zerfällt. Die verlassene Flughafenatmosphäre, abgestandene Luft, geschmackloses Essen und eine Welt ohne Geräusche erzeugen ein Gefühl kosmischer Leere, das bis heute beeindruckt.
Dabei ist die Geschichte bemerkenswert filmisch geschrieben. King nutzt die unterschiedlichen Figuren – vom traumatisierten Mädchen über den mysteriösen Briten Nick Hopewell bis zum zunehmend wahnsinnigen Geschäftsmann Craig Toomy – um die Situation aus verschiedenen psychologischen Blickwinkeln zu beleuchten. Gerade Toomy gehört zu Kings stärksten Antagonisten: kein Monster im klassischen Sinne, sondern ein von Kindheitstraumata zerfressener Mensch, dessen geistiger Zusammenbruch fast ebenso bedrohlich wirkt wie die titelgebenden Langoliers selbst.
Die spätere Verfilmung The Langoliers genießt heute beinahe Kultstatus. Aus heutiger Sicht wirkt die CGI-Tricktechnik tatsächlich hoffnungslos veraltet. Die computergenerierten Langoliers erinnern eher an frühe CD-ROM-Animationen als an glaubwürdige kosmische Wesen, und manche Effekte besitzen einen unfreiwillig nostalgischen Charme. Aber: Gerade im Vergleich zu vielen modernen King-Adaptionen überrascht die Verfilmung durch ihre große Werktreue. Dialoge, Figurenkonstellationen und zentrale philosophische Ideen wurden erstaunlich nah am Original übernommen. Selbst die langsame, bedrückende Atmosphäre der Novelle bleibt weitgehend erhalten.
Doch auch die übrigen Geschichten in Four Past Midnight sind außergewöhnlich stark. „Secret Window, Secret Garden“ verbindet paranoiden Psychothriller mit Identitätsverlust und gehört zu Kings besten Meta-Erzählungen über das Schreiben selbst. „The Library Policeman“ beginnt fast harmlos, entwickelt sich aber zu einer verstörenden Studie über verdrängte Kindheitsängste. „The Sun Dog“ wiederum schlägt die Brücke zum Castle-Rock-Universum und zeigt King als Meister schleichender Eskalation.
Gerade diese Vielseitigkeit macht die Sammlung so bemerkenswert. Die vier Geschichten verbindet ein Grundgefühl von Realität, die langsam aus den Fugen gerät. King interessiert sich weniger für einfache Schockeffekte als für den Moment, in dem vertraute Alltagswelt plötzlich kippt. „4 Past Midnight“ liest sich deshalb weniger wie eine klassische Horrorsammlung und mehr wie eine Reise durch unterschiedliche Formen menschlicher Angst.
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