Enshitification

Ich hatte das Vergnügen, das Buch „Enshitification“ von Cory Doctorow zu lesen. Und das Buch war gut, aber irgendwie nicht befriedigend. Aber vielleicht der Reihe nach:

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Enshitification von Online-Diensten und dem Internet. An Hand von konkreten Beispielen wie Facebook, der Google-Suche oder der Seuche der Abo-getriebenen „Smart“-Devices zeigt er, dass es eigentlich immer die selben 3 Phasen gibt:

  1. Kunden locken
    Ein neuer Dienst kommt an den Markt und wirbt mit Features, die Kunden unbedingt nutzen wollen. Und die können sie nutzen, dank Venture Capital oft kostenlos. Ziel ist es, die User an den Service zu binden. (Und zwar so, dass sie nur unter großem Aufwand wechseln können)
  2. Geschäftspartner locken
    Unternehmen werden damit angelockt, eine große Menge Kunden vorzufinden, denen man es schwer macht zu gehen und die man so gut kennt (Data-Mining), dass man z. B. gezielte Werbung ausrollen oder Produkte präsentieren kann.
  3. Auspressen
    Sind User erst mal im System „gefangen“ und die Unternehmen ebenso, beginnt man damit die nützlichen Funktionen immer weiter zurück zu fahren – zum Beispiel indem in Feeds nicht mehr Freunde angezeigt werden, sondern das, was der Konzern dahinter zeigen will. Gleichzeitig werden die Daumenschrauben bei den Geschäftspartnern angezogen, die immer mehr zahlen müssen, um angezeigt zu werden.

Dieses Verfahren geht er für eine Reihe von Diensten und Unternehmen durch und tatsächlich ist der Ablauf immer der Gleiche. Ermöglicht vor allem durch viel Wagniskapital, dass am Anfang erlaubt, viel Verluste einzufahren, wenn man dafür nur möglichst schnell eine kritische Masse an User*innen und Unternehmen bindet.

Er zeigt auch regulatorisches Versagen in dem Umfeld, insbesondere was die amerikanische Politik gegen Monopole angeht. Die meistens da endet, wo man ihr verspricht, ein Monopol sei gut für die Kunden. Spoiler: ist es nie.

Der erste Teil hat mich voll angesprochen, weil er mich natürlich da abholt wo ich stehe. Doctorow verspricht aber auch Lösungen.

An der Stelle lässt das Buch meiner Meinung nach schnell nach. Abgesehen von seinen Erzählungen wo er alles für was tätig war, kommt wenig konkretes. Statt dessen werden die Forderungen an die User*innen wiederholt, sich digital zu emanzipieren. Ohne allerdings dafür konkrete Wege aufzuzeigen, die für Otto-Normal-Nutzer*in erstrebenswert wären. Denn wenn ich eines weiß, dann wie schwer es ist, Menschen überhaupt dazu zu bekommen, sich digital zu emanzipieren.

Er weint, völlig zu recht, dem „alten Internet“ hinterher, in dem jeder nicht nur Empfänger*in, sondern auch Sender*in war. Sein Ruf nach einem stärker regulierten Internet hat aber zwei Probleme: es dämpft die Freiheit massiv und es erfordert einen politischen Gestaltungswillen, den ich einfach nicht sehe. Nicht nur in Deutschland nicht, sondern weltweit.

War das Buch schlecht?

Nein, im Gegenteil. Es ist gut geschrieben, es ist informativ und sicherlich auch für viele Menschen Augen öffnend. Das Problem ist einfach nur, dass es hinter den selbst gesteckten Ansprüchen zurückbleibt, weil die aufgezeigten Lösungen nicht funktionieren werden.

Sollte man es trotzdem lesen?

Ja. Denn eine Veränderung kann eigentlich nur erfolgen, wenn auf breiter Basis, also bei Nutzer*innen und bei Politiker*innen, klar ist, dass hier immer die Menschen verlieren und die Konzerne gewinnen. Und das ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, in dessen Folge Politiker*innen den Druck erfahren müssen, Änderungen umzusetzen.

Insofern: ein Gut mit Aber, dennoch eine Leseempfehlung für Menschen, die sich für aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse interessieren, die aus dem Internet immer mehr ein Shitnet zu machen drohen. Und vielleicht eine Erinnerung, doch noch mal darüber nachzudenken, mehr wieder selber in die Hand zu nehmen.


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