Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104

Vor einiger Zeit habe ich das Buch empfohlen bekommen, als eines das nicht leicht zu lesen, dafür aber sehr wirkmächtig ist.

Nach dem Lesen verstehe ich, warum dieses Buch für viele Menschen mit Sicherheit zu einem intensiven Erlebnis wird. Vor allem im Ruhrgebiet, wo es zum größten Teil spielt und weil vieles, was beschrieben wird, einen historischen Kontext hat.

Persönlich fand ich die Idee sehr reizvoll, das Leben und Erleben der Kinder zu dokumentieren, die in den Nachwehen des zweiten Weltkriegs Heimat- und Elternlos zurückgeblieben sind und wie sich Deutschland bei deren Betreuung nicht mit Rum bedeckt hat. Das in eine gut lesbare Geschichte zu packen, die mehr Menschen erreicht als eine Dokumentation, ist ebenfalls eine gute Idee.

Das Buch ist auch gut zu lesen und hat eine gewisse Spannung, die zum Weiterlesen animiert.

Trotzdem fällt es mir schwer, das Buch durchweg positiv zu bewerten. Der Grund dafür ist, dass ich das Gefühl nicht los wurde, dass die Autorin zu sehr das Leid der Protagonisten in den Vordergrund stelt, ja schon fast genießt.

Schon die Geschichte um die beiden, auch titelgebenden, Menschen hätte ausgereicht, eine spannende Geschichte zu erzählen. Abel hat sich aber leider entschieden, eine Mehrgenerationen-Story zu basteln, die auch die Tochter, Enkeltochter und Urenkelin umfasst. Die allesamt aus einer dysfunktionalen Umgebung stammen. Es entsteht zwangsläufig der Eindruck, dass die Traumata die die Protagonisten durchlebt haben, sich über die Generationen vererben. Das ist sicherlich auch möglich, hier aber wohl nicht der Fall.

Vielmehr scheint die Autorin einfach alles, was sie über kaputte Familien mal gehört hat, in einen Topf zu werfen, von Kriegstrauma zu Alkoholismus, von Promiskuität hin zu ungewollten Kindern. Alles wird verrührt und zu immer neuen Krisen und Ursachen vermengt. So das letztlich niemand aus der Familie eine Chance im Leben hat. Während man zwischendurch überlegt, ob es nicht schon fast zwangsläufig zu Suiziden hätte kommen müssen, wird ein Happy End angehängt, dass dann selbst wieder in einer „harten Schicksalsgeschichte“ mündet.

Ich bin den Eindruck nicht los geworden, dass die Autorin wollte, dass alle Protagonistinnen unglücklich sind und ihr Leben nicht gut werden kann. Man kann also nicht nur wegen der Erlebnisse der Menschen in dieser Geschichte Mitleid bekommen. Sondern auch, weil Abel ihnen nicht den Hauch einer Chance gibt, ein normales Leben zu führen.

Was für mich die eigentliche Grausamkeit dieses Buches ist: Die Chancenlosigkeit, resultierend aus einer „höheren Macht“, hier der Autorin. Weswegen es mir auch schwer fällt, das Buch zu empfehlen. Weil letztlich das unsägliche Leid, dass nach dem zweiten Weltkrieg kein Ende zu nehmen schien, in den Hintergrund tritt. Und überdeckt wird von der Lust an Sensation die man spürt, wenn RTL Trash-Drama ausstrahlt. Der Voyeurismus, Menschen beim Leiden zu beobachten, sich selbst besser und sicher zu fühlen.

Das ist meiner Meinung nach zwar die Freiheit einer Autorin – dem Thema aber nicht angemessen.


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