Dolores Claiborne

November 1992 erschien das Buch „Dolores“ von Stephen King, das Erste von zwei Büchern, die eine gewisse Ähnlichkeit hatten, weil sie sich ein Thema teilten: Die Unterdrückung, auch die Misshandlung von Frauen und hier und da ein wenig Rache.

Die Haushälterin Dolores soll ihre Arbeitgeberin, der sie dreißig Jahre lang gedient hat, umgebracht haben. Beim Polizeiverhör legt sie schonungslos ihre Lebensbeichte ab – und offenbart ihr düsteres Geheimnis.

Dolores düsteres Geheimnis ist, dass sie tatschächlich nicht ihre Arbeitgeberin umgebracht hat. Das ist auch kein Spoiler, sondern sehr schnell klar.

Das was sie in ihrer Lebensgeschichte erzählt, ist dagegen typisch für Frauen in den späten 50er und frühen 60er Jahren. Der Kampf um Gleichberechtigung, Anerkennung aber auch gegen die Unterdrückung durch die eigenen Ehemänner, Politik und Justiz.

Das Buch ist insofern bemerkenswert, als das es keine klassiche Kapitel-Struktur hat. Es ist, als säßen wir gemeinsam mit dem Sheriff, der Stenotypistin und Dolores in einem Verhöhr-Raum und werden Zeugen, wie Dolores ihre Lebensgeschichte erzählt.

Wiedereinmal ist King dabei darauf bedacht, in dem psychologisch spannenden Komplex darzulegen, dass es eigentlich kein größeres Monster als den Menschen selbst gibt. Und man kommt in der Folge auch nicht umhin, sich dafür entscheiden zu müssen, ob man Dolores für ihre Taten innerlich anklagt oder freisprechen will. Denn klar ist, dass das was sie tut, nicht rechtens ist. Der Weg dorthin, die Erfahrungen, die Nöte und Zwänge jedoch lassen es fast so erscheinen, als gäbe es gar keinen Ausweg.

Spannend ist, dass man das Gefühl hat, dass Dolores im Laufe der Geschichte mehr und mehr Last von ihren Schultern abwerfen kann, jetzt wo sie die Geheimnisse ihres Lebens offenbaren kann.

Am Ende stellt sie sich dann als eine der am meisten integren Personen ihrer Heimat heraus.  Was nicht verwunderlich ist, denn durch das Buch zieht sich wie ein roter Faden ein moralischer Kompass einer starken Frau, die vermutlich nur einige Jahrzehnte zu früh gelebt hat.

Aber auch das ist ja wieder typisch King, weil man ins einen Büchern einen Eindruck davon bekommt, wie die Zeiten wirklich waren, über die er schreibt. Sind in den letzten Büchern Smartphones selbstverständlich, ist es in dem Roman „Dolores Claiborne“ halt die Unterdrückung und Fremdbestimmung der Frauen.

Das Buch richtet sich nicht an Menschen die Monster, Blut sowie Mord und Totschlag suchen. Es ist ein Buch für Menschen die versuchen wollen, Menschen zu verstehen, die wie Tiere in die Ecke gedrängt werden. Aber genau das ist halt das, was vielleicht dazu führen sollte, das Buch in die Hand zu nehmen.


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