Der Talisman

Ich musste meinen aktuellen Re-Read von Stephen King etwas umsortieren, da im Herbst mit dem Buch „Other Worlds Than These“ der dritte Band der Talisman-Reihe erscheint. Und vermutlich auch der langersehnte nächste Band in der „Der dunkle Turm„-Serie.

Bis dahin wollte ich die Bände 1, „Talisman“, und 2, „Das Schwarze Haus“, gerne noch mal am Stück gelesen oder gehört haben. Und da ich im Moment viel in der Republik mit dem Zug unterwegs bin, warum nicht sofort?

Das letzte Mal habe ich „Talisman“ in 2024 gelesen. Praktisch gestern. Was komisch klingt, denn warum sollte ich 2 Jahre später schon wieder das gleiche Buch lesen, wenn noch dutzende King und hunderte anderer Bücher auf mich warten.

Ich glaube das ist der Fall, weil man bei Talisman/Schwarzes Haus als Teil der Geschichte um den „Dunklen Turm“ immer wieder neue Facetten entdeckt und das Buch jedes mal anders wirkt. Bücher übrigens, die er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Peter Straub geschrieben hat. Einer Freundschaft, die ganze Essays hervorbrachte, bei dem Versuch, sie zu verstehen.

Während ich beim letzten Mal z. B. vor allem das langsame Aufbauen der Geschichte, den Verzicht auf großartige Action und die Tiefe selbst heraushebend fand, war es diesmal etwas anderes.

Diesmal war es eher die Verbindung zu meiner eigenen Jugend. Denn nicht nur war es eines der Bücher, die mir den King-Kosmos so richtig eröffnet haben, es erinnert mich auch zunehmend an eine Version der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende.

Man kann dabei die Ähnlichkeiten an Oberflächlichkeiten fest machen, wie dem Wunsch eines Jungen der kranken Königin/Kaiserin zu helfen um den Tod der eigenen Mutter / des eigenen Vaters Sinn zu geben. Und das es gilt, die Welt mit einem zu findenden Artefakt vor dem Bösen zu retten.

Die Ähnlichkeiten gehen aber tatsächlich tiefer, denn in beiden Fällen geht es auch darum zu verstehen, wie Kinder zu Erwachsenen werden. Welche Wirkungen Freundschaften und der Verlust von Menschen haben. Wie stark sie oft von Erwachsenen unterschätzt werden und das sie oft sehr viel mehr leisten müssen, um anerkannt zu werden.

Dabei geht King einen interessanten Weg: Seine Geschichten sind ja selten solche, in denen Monster eine wirklich wichtige Rolle spielen. Und so ist es auch hier. Gleichwohl „Monster“ wie Werwölfe eine Rolle spielen, nutzt King sie um die Dualität des Seins zu zeigen und die Frage zu stellen, ob ein Wesen (Mensch?) nur gut oder nur schlecht sein kann. Oder ob nicht immer beides vorhanden ist, nur eines oft stärker als das andere? Und wie stark sich Menschen (Wesen) korrumpieren lassen.

Witziger Weise muss man beim Bösewicht der Geschichte heute auch an Menschen wie Elon Musk oder Peter Thiel denken. Eine Frage die King vermutlich sich beim Schreiben nicht gestellt hat, die heute aber aktueller denn je ist, ist die Frage nach dem Willen zur Macht, wenn man die technologischen Möglichkeiten hat. Und ob ein Mensch, wenn er nur genug Ressourcen besitzt, um darüber Macht auszuüben, nicht auch automatisch ein solcher Mensch werden muss.

Auch nach dem ich-weiß-nicht-wievielten-Male ich dieses Buch jetzt gelesen habe, stelle ich fest, dass es niemals alt wirkt. Und komischerweise auch niemals langweilig wird. Was mich zu dem Schluss bringt, dass mir Menschen leid tun, dies nicht ein ein einziges Mal gelesen haben.

Andersherum weiß ich nicht, ob ein einziges Mal lesen reicht, um das Buch „Der Talisman“ wirklich zu erfassen.

 


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