Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit
Im Jahr 1930 prophezeite der britische Ökonom John Maynard Keynes, dass durch den technischen Fortschritt heute niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten müsse.Die Gegenwart sieht anders aus:Immer mehr überflüssige Jobs entstehen, Freizeit und Kreativität haben keinen Raum – und das, obwohl die Wirtschaft immer produktiver wird.Wie konnte es dazu kommen?
Graeber, ein Anthropologe, legt keine trockene wissenschaftliche Studie vor, sondern ein mit Anekdoten, Umfragen und persönlichen Geschichten durchsetztes Plädoyer. Seine zentrale These: In unserer modernen Welt gibt es eine erstaunlich große Zahl von Tätigkeiten, die so sinnlos sind, dass selbst die Beschäftigten wissen, dass sie sinnlos sind – und doch müssen sie so tun, als wäre alles wichtig.
Workplaces are fascist. They’re cults designed to eat your life; bosses hoard your minutes jealously like dragons hoard gold. (Seite 67)
Was bedeutet das? Graeber unterscheidet zwischen den so genannten Bullshit-Jobs und klassischen „Shit Jobs“ – also harten, notwendigen, aber schlecht bezahlten Jobs wie Reinigungskraft oder Pflege. Bullshit-Jobs hingegen sind jene Posten, die du sofort streichen könntest, und niemand würde es merken: Personalentwickler irgendwo im dritten Stock, Berater, die PowerPoints basteln, oder Manager, die Meetings über Meetings leiten. Er behauptet auch, was vermutlich jeder nachvollziehen kann, dass es eine umgekehrt Proportionale Bezahlung gibt: Um so schwerer, aber für die Gesellschaft wichtiger ein Job ist, um so schlechter die Bezahlung und Anerkennung. Das geht vom Müllwerker über die Pflege zu den Erzieherinnen und allen, die sich den Rücken krum machen. Während die Jobs mit dem geringsten gesellschaftlichen Benefit, wie Investmentbanker, das meiste Geld verdienen. Sein „Beweis“ ist die Theorie, wessen Verschwinden der Gesellschaft umgekehrt am meisten schaden würde. Würde man das Fehlen aller Erzieherinnen mehr spüren, als das Fehlen von Investmentbankern?
Yet for some reason, we as a society have collectively decided it’s better to have millions of human beings spending years of their lives pretending to type into spreadsheets or preparing mind maps for PR meetings than freeing them to knit sweaters, play with their dogs, start a garage band, experiment with new recipes, or sit in cafés arguing about politics, and Bossiping about their friends complex polyamorous love affairs. (Seite 196)
Diese Einteilung wirkt beim Lesen fast schon irritierend absurd – doch hinter der Ironie lauert eine ernste Erkenntnis: Wer seine Arbeit als unnötig empfindet, verliert mehr als nur Motivation. Es nagt an der Identität, an der Seele, am Gefühl, zur Welt etwas beizutragen. Graeber beschreibt eindrücklich, wie sich das anfühlt, wenn Menschen erzählen, sie würden „Bullshit machen“, obwohl sie doch offiziell Büroangestellte, Juristen oder PR-Strategen sind.
Harte Kost oder Weckruf?
Wer sich nach einer akademisch-probaten Analyse sehnt, wird enttäuscht: Graebers Buch lebt von seinen Geschichten und der provokanten These, nicht von statistischer Akribie. Daher bleibt auch unklar, ob wirklich 40 % aller Jobs sinnlos sind, wie er es nahelegt. Was er allerdings macht: Er stellt die Existenz der Bullshit-Jobs gegen die moderne Betriebswirtschaft. Wie kann es sein, dass wir nicht immer weniger arbeiten, bei gleichem Gehalt, weil alles immer automatischer wird? Das wir statt dessen sogar mehr arbeiten?
Hätte Politik vielleicht sogar Angst davor, dass die Menschen Kultur schaffen und dabei vielleicht auch (zu viel) nachdenken und Fragen stellen? Die Antwort, die er für sich findet, kommt im Buch sehr deutlich hervor: Unsere Marktwirtschaft folgt nicht mehr dem wirtschaftlichen Streben nach gesellschaftlicher Wohlfahrt, sondern primär einer politischen Orientierung. Und sie beugt sich, weil Politik im Gegenzug die Wirtschaft, bzw. die, die am meisten von der Arbeit anderer profitieren, in Ruhe lässt, was Regulierung und Steuern angeht.
We could easily all be putting in a twenty- or even fifteen-hour workweek. (Seite 194)
Doch das ist zugleich die Stärke des Buches: Es reißt uns aus der Alltagsroutine und zwingt uns, über Fragen nachzudenken, die wir im Büroalltag zu selten stellen:
- Was ist das eigentlich – Arbeit?
- Warum messen wir dem bloßen Beschäftigtsein so viel Wert bei?
- Und vor allem: Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir Arbeit nur noch als Form der Selbstrechtfertigung begreifen?
Ob man Graebers Theorie nun für zu weit gegriffen hält oder nicht – eines steht fest: „Bullshit-Jobs“ ist ein Buch, das bleibt. Es kratzt am Selbstverständnis unserer Arbeitswelt und legt offen, was viele längst spüren, aber kaum aussprechen: Dass Arbeit nicht per se Sinn bedeutet – und dass der Mythos „mehr Arbeit gleich mehr Wert“ vielleicht einer der größten Irrtümer unserer Zeit ist.
P.S. Witzig fand ich, dass er schon auf Seite 2 eine Verbindung zu Catch-22 und dem Wahnsinn dort baut 😉
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