Bürokratie – Die Utopie der Regeln
Vor ein paar Wochen habe ich das Buch „Bullshit-Jobs“ von David Graeber gelesen und fand das… „Thougtprovoking“. Also habe ich mir auch das Buch „Bürokratie – Die Untopie der Regeln“ gekauft:
Wir alle hassen Bürokraten. Wir können es nicht fassen, dass wir einen Großteil unserer Lebenszeit damit verbringen müssen, Formulare auszufüllen. Doch zugleich nährt der Glaube an die Bürokratie unsere Hoffnung auf Effizienz, Transparenz und Gerechtigkeit. Gerade im digitalen Zeitalter wächst die Sehnsucht nach Ordnung und im gleichen Maße nimmt die Macht der Bürokratien über jeden Einzelnen von uns zu. Dabei machen sie unsere Gesellschaften keineswegs transparent und effizient, sondern dienen mittlerweile elitären Gruppeninteressen. Denn Kapitalismus und Bürokratie sind einen verhängnisvollen Pakt eingegangen und könnten die Welt in den Abgrund reißen.
Die Buchbeschreibung ist zu reißerisch und geht irgendwie an dem Buch vorbei. Denn Graeber geht es, wie in Bullshit-Jobs nicht direkt darum, eine reißereische Geschichte zu erzählen.
Der wichtigste Vertreter dieser Denkrichtung war Ludwig von Mises, ein emigrierter österreichischer Aristokrat, der in seinem Buch Die Bürokratie (1944) die These vertrat, eine staatliche Verwaltung könne niemals ähnlich effizient funktionieren wie die unpersönlichen Preisbildungsmechanismen des Marktes. (Seite 12)
Vielmehr geht es darum ihm zu zeigen, wie Organisation und soziales Zusammenleben praktische immer eine Art von Bürokratie hervorbringen. Und das insbesondere der Versuch der Reduktion selbiger dazu führt, dass man am Ende mehr davon hat. Wie das berühmte Formular zum Nachweis des Bürokratie-Abbaus.
Die politische Grundlage der Demokratie werde zerstört, weil die Verwalter der Sozialprogramme unvermeidlich mächtiger und einflussreicher werden würden als die gewählten Regierungs-politiker: Stets würden sie sich für noch weitergehende und radikalere Maßnahmen einsetzen. Wohlfahrtsstaaten, die sich in Ländern wie Frankreich oder England oder noch deutlicher in Dänemark und Schweden herausbildeten, schlagen nach von Mises‘ Ansicht im Laufe von einer oder zwei Generationen unweigerlich in faschistische Systeme um. (Seite 13)
Dabei warnt er allerdings auch vor der in solchen Systemen fast unausweichlichen Machtkonzentration, die oftmals als Vorteil hervorgehoben wird. Wie z. B. durch das Gewaltmonopol. Seiner Ansicht nach ist es ein Problem, dass schwierig bis kaum zu lösen ist. Was auch daran liegt, dass es nach wie vor den weit verbreiteten Irrglauben gibt, dass Bürokratie auf der einen Seite stünde und „der freie Markt“ auf der andere. Wobei konstant ignoriert wird, dass insbesondere der „freie“ Markt selbst Bürokratie hervorbringt. Was wiederum Tür und Tor für Populismus von rechts öffnet.
Das Eherne Gesetz des Liberalismus besagt: Jede Marktreform, jede Regierungsinitiative, die den Amtsschimmel bändigen und die Marktkräfte fördern will, resultiert in der Zunahme von Vor-schriften, Verwaltungsarbeit und der vom Staat beschäftigten Bürokraten. (Seite 14)
(…)
Bald erkannten rechtsgerichtete Populisten, dass es, ungeachtet der Realitäten, sehr wirkungsvoll war, Bürokraten ins Visier zu nehmen. In ihren öffentlichen Erklärungen gewann die Verurteilung »abgehobener Bürokraten« (Seite 15)
Das macht es auch schwer, die Botschaft dieses Buches in einen Satz zu packen. Vielleicht kann man sich Graebers Standpunkt am ehesten über die eigentlich für Deutschland erfundene „Soziale Marktwirtschaft“ vorstellen, die staatliche Bürokratie und das Handeln des Marktes zum Wohle der Menschen fordert. Und auch eindrücklich zeigt, wo die Gefahr des Abdriften nach Rechts am größten ist, wird doch insbesondere in Deutschland die Bürokratie mit Vorliebe zum Schuldigen gemacht und erleben wir doch gerade in Deutschland auch ein Erstarken der Rechten.
Das man in den USA noch stärker erlebt, wo auch der Schwerpunkt seiner Analyse liegt. Sein Buch ist nicht so universell wie Bullshit-Jobs. Es zeigt allerdings das atemberaubende Tempo, mit dem Gesellschaften sich von einer offenen zu einer geschlossenen Form entwickeln können.
Ich glaube, man kann auf jeden Fall sagen, dass es in der Geschichte noch nie eine Periode gegeben hat, in der die Menschen auch nur annähernd so viel Zeit für Papierarbeit und Schreibkram aufwenden mussten.
All dies aber entwickelte sich erst nach der überwindung des schrecklichen, altmodischen, bürokratischen Sozialismus und nach dem triumphalen Sieg der Freiheit und des Marktes. Das ist zweifellos eine der großen Paradoxien des heutigen Lebens, wenngleich wir – ebenso wie in Bezug auf die gebrochenen Versprechen der Technologie – diese Thematik nur höchst ungern zur Sprache bringen wollen. (Seite 173)
Man kann allerdings sehr gut verstehen, wie er letztlich auf die Idee kam, dass ein solches System das Vorhandensein von Bullshit-Jobs nicht nur fördert, sondern auch fordert. Und hier schließt sich dann auch der Kreis zu der Machtkonzentration, die der eigentliche Kritikpunkt dieses Buches ist:
Sie hält sich zumindest auf politischer Ebene, wo jeder Akt willkürlicher Macht das Gefühl bestärkt, dass nicht die Macht, sondern die Willkür – also die Freiheit selbst – das eigentliche Problem ist.
Dies ist allerdings fast exakt das, was eingetreten ist, wo immer die republikanische Regierungsform (nun allgemein fälschlich als »Demokratie« bezeichnet) zur Norm geworden ist. Die Rechtsordnung und damit die Zonen, in denen der Staat der oberste Vollstrecker von Regeln ist, wurde erweitert, um beinahe jeden möglichen Aspekt menschlichen Handelns zu definieren und zu regulieren. Deshalb gibt es heute Vorschriften darüber, wo man bestimmte Getränke ausschenken oder konsumieren darf, wie man zu arbeiten hat, wann man die Arbeit niederlegen darf und wann nicht und wie groß die Werbetafeln am Straßenrand sein dürfen. Die Gewaltandrohung durchdringt praktisch jeden Aspekt unseres Daseins, und zwar in einer Art und Weise, die unter der Herrschaft von Marcus Aurelius Antonius, später Elagabal genannt, Dschingis Khan oder Süleyman dem Prächtigen undenkbar gewesen wäre. (Seite 233f)
Man kann nicht umhin sich selbst zu fragen, ob er Recht hat. Ob nicht das „Gewaltmonopol“ der Staaten das eigentliche Problem ist. Das von Bürokraten geschaffen, erhalten und durchgesetzt wird. Was wiederum dazu führt, dass man das Buch nicht als Kritik an der Bürokratie verstehen muss. Sondern als Warnung vor einer aus der Bürokratie möglicherweise entstehenden Autokratie.
Was letztlich die tragische Komödie perfekt macht: Der Mensch schafft Regeln, um sich vor der Menschlichkeit zu schützen und befördert damit die Menschen, die eines der ureigensten Interessen der Menschheit, Macht, zu ihrem Ziel erhoben haben.
„Dummerweise“ hat Graeber selbst auch keine Lösung dafür. Im Gegenteil, das Buch lässt seine Leserinnen und Leser eher mit einem unschönen „Und jetzt?“-Gefühl zurück.
Und das ist unsere Aufgabe. Wir sind jetzt gefragt, diese Frage zu beantworten.
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